„Wunderwerk“ (2015)

Edoh El Loko † und Erwin Michelberger begeben sich auf die Suche nach heilenden Kräften. In Togo und in Deutschland. (Film ist noch nicht im Verleih/Vertrieb)



Synopsis

Synopsis

Dokumentarische Erzählung - Buch, Regie und Herstellungsleitung - 82 Min. In Zusammenarbeit mit der Filmwerkstatt Düsseldorf. Gefördert vom Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien BKM

„Erfolg haben, etwas sein wollen, das ist wie Krebs, der sich in dein Gehirn frisst“, sagt Edoh EL Loko †.  

 

Als er jung war, vor 40 Jahren, hat er sich aus seinem Dorf in Togo auf den Weg gemacht nach Deutschland – an die Kunstakademie in Düsseldorf. Es war ein kultureller Bruch, den Edoh El Loko zwar vollzogen aber bis heute nicht verkraftet hat. Er leidet am Hin- und Hergerissensein zwischen zwei Kulturen. Damit erklärt er sich auch seine schwere Herzkrankheit.

Auch Erwin Michelberger ist früh von seinem Zuhause in der oberschwäbischen Provinz weggegangen. Niemandes Sohn mehr sein müssen. Jahrzehnte später hat er lebensbedrohlich erscheinende Erstickungsanfälle. 

Beide suchen nach Heilung. Die Suche führt sie vom Kardiologen über einen HNO-Arzt und eine Heilerin und ärztliche Therapeutin bis zu den Voodoo-Priestern in Togo. Wir erleben höchst unterschiedliche Methoden und Rituale der Heilkunst.
Von der medikamentösen Behandlung über mentale Therapien wie Brainspotting bis hin zu den Orakeln der Voodoo-Priester.

 

„Wann bist du wirklich heil?“, fragt die Ärztin: „Wenn alle Organe einwandfrei funktionieren? Wenn du Erfolg hast? Wenn du eine Liebesbeziehung hast und Freunde und Spaß?“
„Unser Vorstellungsvermögen reicht nicht aus“, sagt sie, „wir wissen nicht, was das heißt – heil sein.“ „Der Voodoo bringt niemanden um“, sagt der Voodoo-Heiler, „nur du selbst bringst dich um, wenn du dich nicht an die Regeln deiner Kultur hältst.“
Zwei Versuche den Zustand des eigenen Körpers und der Seele zu verstehen. Zu verstehen im Spiegel der afrikanischen Kultur und der europäischen. Das eigene Ich verstehen – das ist ein heilsamer Prozess.

 

Im Film hören wir die Stimme des Autors, als wäre sie die Stimme eines Freundes, der uns berät, oder einer Freundin, die uns nahe ist. Da ist ein Du, in dem sich mein Ich spiegelt. Da ist jemand der versucht, sein Schicksal zu verstehen, in die eigene Hand zu nehmen. Und für sich frei denkt. So gibt er auch uns das Recht frei zu denken, so zu sein wie wir sein möchten. 

Credits

Credits

 

Mit Edoh El Loko, Goka IV. Agbégninon, Dorothea Fuckert, Erwin Michelberger, Mawuli Komi Kougbe, Eric May, Joachim Gubitz, Exedji Kokou, Francis Sipopke, Crédo Messan-Djrakou, Honsouglo Hagoume 

Buch und Regie: Erwin Michelberger

Kamera: Justyna Feicht, Schnitt: Philipp Enders und Alexander Lorenz, Musik: Gleb Choutov, Mischung: Shinya Kitamura und Iwan Harlan, digitale Bearbeitung: Matthias Paeper und Alexander Lorenz, Koordination in Togo: Hounovissi Agboto, Herstellungsleitung: Erwin Michelberger. 

Pressestimmen

Pressestimmen

Hans Hoff

Fernsehen, das noch etwas wagt.

„Theoretisch ist Paradies ja schon, wenn man glücklich lebt.“ Ein Junge sagt das in Erwin Michelbergers Film „Lus oder Geschmack am Leben“ (16. Oktober 2011, 21.45 Uhr, 3sat) und es ist nicht die einzige Erkenntnis, die diese 98-Minuten-Dokumentation so sehenswert macht. In Jerusalem, Hebron, Bad Saulgau, und Düsseldorf hat Michelberger nach dem Tod gesucht. Und er hat ihn gefunden – auch und vor allem im Leben. In den Aussagen von Kindern und Greisen, von Sinnsuchern, von Leichenwäschern, von Scharlatanen.

Michelberger mutet den Zuschauern dabei einiges zu in den über anderthalb Stunden, die er nicht nur mit bewegenden Aussagen füllt, sondern auch mit ausdrucksstarken Bildern.

Einem Toten werden Fußnägel gereinigt. Sorgsam, beinahe liebevoll schält der Leichenwäscher den Dreck weg. Ein Bild das man erst einmal aushalten muss. Mehrfach sind Leichen zu sehen in diesem Film. Michelberger hat beobachtet, wie sie gewaschen werden, wie man mit den leblosen Körpern umgeht, wie man sie beinahe zärtlich, noch als Teil des Lebens behandelt. „Ich merke seine Seele wenn ich ihn wasche“, sagt ein Leichenwäscher.

An vielen Orten hat Michelberger den Umgang mit Toten beobachtet. Er hat bei Christen, Juden, Muslimen und Atheisten gefilmt, wie die Lebenden mit denen umgehen, die von ihnen gegangen sind. Der Filmemacher, der schon mit Bruno Ganz und Nam June Paik gearbeitet hat, forscht auf Friedhöfen, in Leichenhallen und in seiner Jugend. Schwarz-weiße Bilder von spielenden Messdienern, die über Schuld und das Auge Gottes sinnieren, zeigen sehr offensichtlich, wie Michelberger sozialisiert wurde.

Er zitiert viel Irrationales. Zu hören sind Theorien von Würmern, die unschuldige Tote nicht auffressen, von Knochen, die immer bleiben, wenn der Mensch zu Lebzeiten nur fromm war. Zu hören ist die Frage, ob muslimische Eltern das Herz ihres toten Kindes spenden dürfen, um ein jüdisches Kind zu retten. Zu sehen ist auch der „Körperwelten-Macher Gunther von Hagen. Michelberger liefert an wie ein Schwertransporter, aber er vermeidet das eigentlich folgerichtige Chaos, weil der den teilweise abenteuerlichen Aussagen enorm viel Ruhe im Bild entgegensetzt.

Die Ruhe macht den Film indes nicht leichter verdaulich. Wenn man sieht, wie etwa die „Körperwelten“-Macher an Leichenteilen herumschnitzen, erfordert das vom Zuschauer genau jene Kraft, die dem Medium in diesen Tagen so oft abgesprochen wird.

„Lus oder Geschmack am Leben“ ist kein einfaches Dokumentarstück. Es ist optisch zudem ziemlich harter Tobak. So etwas sieht man nicht alle Tage. Es ist Fernsehen, das noch etwas wagt. Es ist Fernsehen, das berührt, das bewegt.

Es ist nichts Alltägliches und gerade deshalb so besonders.

 

Andreas Wilink, K West  11/ 2010

[...] Methodisch schließt Erwin Michelbergers »Lus« an, zumal das Kamera-auge ebenfalls in die Höhe strebt. Der Tod stellt die brennende Frage nach dem Leben – dem irdischen und dem ewigen. Zuvörderst beschäftigt sich »Lus« mit der Sepulkralkultur: Ein jüdischer Toter wird gewaschen, gereinigt und verhüllt. Eine christliche Beisetzung findet statt; im islamischen Ritus wird jemand zu Grabe getragen. Erde zu Erde. Auf dem Boden des Heiligen Landes lässt sich gut sprechen über letzte Dinge, und es zeigt sich, dass die Heimstatt des Herrn kein Ort menschlichen Friedens ist. Gemäß dem Wort Jesu »Lassest die Kindlein zu mir kommen« tauschen sich neben schwäbi-schen Totengräbern und nahöstlichen Leichendienern auch Jungen und Mädchen über Gottes- und Jenseits-Vorstellungen aus, über paradiesische Zustände, höllische Strafen, irdische Güter, religiöse Ideale und politische Realitäten, bevor die  präparierten Leichen des Gunther von Hagens als Anatomie menschlicher Profanisierung einen Kontrapunkt setzen. Dass die Gesichter der Diskutanten vor einem blauen leeren Himmel erfasst werden, so dass alle in einem imaginären Dialog und weit gefassten Symposion vereint scheinen, ist mehr als nur schönes Detail. Grundiert von autobiografischen Erinnerungen, die das Samenkorn für diese reife Reflexion legen, bleibt der Filmautor immer auch auf der Spur des eigenen »Werde, der du bist«.

 

FILMTIPP von Eva Schmidt

Es ist ein stiller Film, der sich Zeit nimmt, sein Thema zu entfalten. Und doch wirken die Bilder in dem Dokumentarfilm „Lus oder Geschmack am Leben“ manchmal radikal, weil sie so realistisch sind. Es geht um Tod und Jenseitsvorstellungen im Christentum, Judentum, und Islam – gedreht wurde an Originalschauplätzen.

Originalschauplätze das bedeutet bei dem Dokumentarfilmer Erwin Michelberger: Friedhöfe. Langsam zieht ein Junge eine roh gezimmerte, längliche Holzkiste durch einen Bach. Die Eingangssequenz ist in Schwarz-Weiß gehalten und das Kind aus der Erinnerung ist wohl auf dem Weg zum Friedhof. Doch wo liegt dieser Friedhof? Liegt er in Schwaben, die Gräber wohlvertraut Reihe an Reihe angeordnet neben der Kirche, wegen des winterlichen Wetters mit Schnee bedeckt? Oder sind es steinerne Gräber auf den Hügeln Jerusalems? Langsam zeigt der Film eine jüdische Bestattung und widmet sich dabei ausführlich den handwerklichen Details. Gezeigt wird, wie die Seitenwände des Grabes verschalt werden, wie der Leichnam hineingelegt und wie das Grab wieder sorgfältig mit Steinplatten verschlossen wird. Im Film erläutert ein  Jerusalemer Kolumbarium-Leiter seine gigantische Anlage: Wieviele Schubladen-Grabstätten hier übereinander angeordnet sind, wie viel Erde zwischen die steinernen Fächer gefüllt werden muss, wie viel Luft. Schnitt. Gezeigt wird eine muslimische Bestattung mit Leichenzug und Gebeten am Grab. Der in ein weißes Tuch gewickelte Verstorbene wird sorgfältig in das Grab gelassen und auf die rechte Seite gelegt, mit dem Blick nach Mekka. 

Der Film zeigt realistisch und detailgenau die Waschung eines Verstorbenen. Diese Bilder machen dem Zuschauer recht schonungslos klar: Das ist das Gesicht des Todes in seiner ungeschminkten Form.

 

Philosophieren über das Jenseits.

Diese atmosphärischen Bilder bilden die Grundlage für die philosophische Seite der Dokumentation. In Schwaben, Jerusalem, im Westjordanland sprechen Bestatter, religiöse Würdenträger und Jugendliche über ihre Vorstellungen von Gott, Jenseits, Tod, Auferstehung und Humanität. Erwin Michelberger hat sie alle vor einem strahlend blauen Himmel aufgenommen, so dass es scheint, als befänden sich diese Menschen – zwar an den verschiedensten Orten der Welt – in einem permanenten Dialog über die letzten Dinge.

Besonders die Jugendlichen überraschen durch die Ernsthaftigkeit ihrer Beiträge, aus denen Nachdenklichkeit spricht. Das Phänomen der Seele regt sie teilweise zu kuriosen Phantasien an: Muss eine Seele im Jenseits essen und trinken? Nein, denn sie hat ihren Körper hinter sich gelassen, ihre Existenz ist immateriell, doch woraus besteht sie? Aus Licht? Aus Luft? Aus Geist? Erleiden die Verstorbenen im Fegefeuer Schmerzen? Verbrennt der Körper? Oder verbrennt die Seele? Manchmal müssen die Jugendlichen über die Antworten ihrer Kameraden lachen, aber es ist ein friedfertiges Lachen, das der Unterhaltung eine heitere Stimmung verleiht. Yossi beispielsweise hat eine Theorie zum Tag des Jüngsten Gerichts. Es gäbe einen unzerstörbaren Knochen, den Lus-Knochen, der vom jedem bleibe. Am Tag der Ankunft des Messias, der im Judentum zugleich der tag der Auferstehung ist, bauten sich die Körper der Verstorbenen um den Lus-Knochen herum wieder auf. Das passt zu dem jüdischen Diktum der Achtung vor der Totenruhe: der Leib muss aus den Überresten wieder erstehen können, wenn es soweit ist. In der Stadt Lus, so steht es im ersten Buch Mose, hat der Tod keine Macht: „Kein Todesengel herrscht über die Stadt Lus, und es ist der Wille des Herrn, dass niemand darin vom Tode heimgesucht werde.“

 

Diskutieren über Gerechtigkeit.

Die Verschränkung von Leben und Tod wird auch deutlich in den Statements von Bestattern der verschiedenen Kulturen, die ihren Beruf beschreiben. „Das Treffen mit dem Tod gibt mir Freude am Geschmack des Lebens“, sagt ein Bestatter aus Israel. Doch auch der Zweifel, das Hadern, der Zorn zwischen den Völkern werden nicht ausgeklammert. Die Jugendlichen im Westjordanland stellen die Gerechtigkeit Gottes in Frage, weil ihrem Volk keine zuteil werde. Ein Mädchen spricht ihre Zweifel an der Existenz Gottes aus. Zwei religiöse Muslima versuchen sie vom Gegenteil zu überzeugen. Ein jüdischer Junge hadert mit Gott: „Manchmal ist die Hölle auch auf Erden“, sagt er mit Tränen in den Augen. „Warum hat Gott meinen Vater vier Jahre an einer Krankheit leiden lassen und uns allen die Hoffnung gegeben dass er wieder gesund wird, um ihn am Ende doch sterben zu lassen?“ Ein Ausschwitz-Überlebender berichtet über die Abwesenheit Gottes und dass er dort seinen Glauben verloren hat.

Ebenso Thema sind die politischen Spannungen im Nahen Osten: Jede Seite kommt zu Wort, stellt ihre Sicht der Dinge dar und bei all diesen Menschen spürt man vordringlich die Sehnsucht nach Frieden.

 

Präparieren von Leichen.

Nicht zuletzt sind Gunther von Hagens und sein Team beim Präparieren von Leichen zu sehen. Ganz materialistisch gedacht, möchte er dem Körper huldigen, deswegen konserviere er ihn. „Jede Zelle auf ewig haltbar machen. Ein perfekt präparierter Körper. So stehst du wieder auf, ganz ohne Kirche“, sagt Hagens. Und er denkt vermutlich: Lieber präparieren als Pietät zelebrieren. Doch das ist nur eine Meinung unter vielen.

Die Fülle der kulturellen und religiösen Perspektiven zeichnet Erwin Michelbergers Film aus. So still die Dokumentation beginnt, so sehr geht sie in die Tiefe – hin zu den letzten Fragen.