„Doch“ (2006)

„Mit Charakteren, bei denen man eine große Beweglichkeit und
Leichtigkeit des Geistes und Charakters beobachtet, wie sie im
Allgemeinen nur in der Kindheit vorkommt und hier sogar den
Veränderungen des Alters widersteht.“ (Georges Gilles de la Tourette)


Synopsis

Synopsis

Dokumentarfilm von Erwin Michelberger und Oleg Tcherny – 79 Min. stereo –
In Zusammenarbeit mit Filmwerkstatt Düsseldorf und ZDF/3sat. Gefördert von Filmstiftung NRW und nordmedia Fonds.

Im  Jahr 1825 hat der französische Arzt Itard das auffällige Verhalten der Marquise de Dampierre beschrieben, die bereits im Alter von sieben Jahren merkwürdige Körperbewegungen ausführte und eigenartige Laute sowie obszöne Äußerungen von sich zu geben begann. Ein halbes Jahrhundert später interessiert sich Dr. Gilles de la Tourette wieder für die Syndrome der Marquise und studiert dazu acht weitere, ähnliche Fälle…

„DOCH” ist es ein Film. Im Sommer – auf einem Park am See. In der grau-roten Heide bei Lüneburg. Wer war da noch nicht?  Doch jetzt sind sie alle hier gewesen, die Ticks. Es wird verwirrend schön in einer Runde wo alle ticken. Vielleicht sogar verzaubert, wenn der eine tickt und die andere die Zigarette anzündet.

„DOCH” ist die Geschichte wo ein Junge in den Wald gehen soll, um zu schreien. Wo der Andere nicht spielt, auch unbewusst nicht. Es ist kein Spiel was ich spiele! Die auf den ersten Blick verloren aussehende, zarte Frau muss ausbrechen, um zu spüren, dass sie lebt. Schau mal! Und wie immer versucht sie vom Blick abzulenken. Verneinen um des Verneinens Willen, du Nihilist. Mit lachendem Auge. Der Wind hört plötzlich auf. Stille.

„DOCH”, es ist ein Tick von Erwin Michelberger und Oleg Tcherny. “Zwang zur Präzision auf der einen Seite und Explosion auf der anderen”. Seine Mutter hat es früher immer behauptet: Wenn ich verliebt bin ticke ich mehr. Sie lachen.„Traumgewalten" ist die Kurzfassung des Films „DOCH” und wurde auf der Biennale Venedig im Rahmen des Theater Festivals im Arsenal 2005 uraufgeführt.Duisburg Film Week – Input Festival Lugano – Shadow Festival – Opening Film at the Amsterdam Film Festival – Lisbon Film Festival – Main program Viennale 2008 – FICCO 2009 6th Mexico – International Contemporary Film Festival Competition – Main program BAFICI XI. Buenos Aires Festival Internacional de Cine – Independiente 2009 – Nonfiktionale 2010

Credits

Credits


Mit: Sylvia Faust, Christiane Kant, Thekla Stewen, Berthold Grave, Christian Hempel und Marcel Weickart.

Regie und Buch: Erwin Michelberger und Oleg Tcherny – Recherche: Erwin Michelberger – Co-Recherche: Christian Hempel – Kamera: Justyna Feicht, Susumu Miyazu,  Maria Goinda – Ton: Mathilde Kohl, Shinya Kitamura – Schnitt: Oleg Tcherny – Mischung: Shinya Kitamura – Musik: György Kurtág aus „Movement for Viola and Orchestra” – Kamera-Assistenz: Eva Radünzel, Björn Remiszewski, Bartek Klimas – Ton-Assistenz: Philipp Enders – Aufnahmeleitung: Ingo Schaefer, Andreas Wallat.

Grazie Giorgio Agamben – Dank an Paul Behrens, Silke Petersen, Rolf Neddermann, Heinz Holzapfel, Marianne Traub, Stella Avni, Aribert Rothenberger

Redaktion: Inge Classen

 

Pressestimmen

Pressestimmen

Renée Zucker, Inforadio Berlin

Was für eine verwirrend schöne Reise, auf die uns Erwin Michelberger und Oleg Tcherny mitnahmen. Wie ein Spaziergang durch die Träume anderer. Tatsächlich ist „DOCH“ wie ein Robert-Wilson-Stück. Ein Tag im Wald, die Sonne flirrt durch Baumkronen und Blätterwerk, der Himmel spiegelt sich in einem See, und am Ufer im Gras, da liegen die Menschen mit den Ticks. Sie grimassieren oder schreien mitten in den Satz eines anderen obszöne Wörter. Manche sind introvertiert, andere Komödianten, eine Frau fürchtet sich vor dem Moment der unstillbaren Sehnsucht nach der Gegenwart eines anderen, diese Angst vor dem Verlust, sagt sie, das Halten der toten Hand meiner Mutter. Der junge Mann beschreibt den täglichen Balanceakt: Bin ich heute bereit für den Abenteuerurlaub – der Moment, in dem er auf die Straße tritt und den anderen, den Normalen begegnet. Werden die Nachbarn mit den gestriegelten Gärten zurückgrüßen, wenn ich hallo sage und mir gleich darauf ein Schimpfwort rausrutscht, und was wird passieren, wenn meine Glieder zucken oder wenn ich schreie. Was ist das für ein Schreien? Fragt eine – nach Liebe? Falsch, sagt die Aggressive – nach Authentizität.

Niels Bakker

Da ist doch der Film „DOCH“ von Erwin Michelberger und Oleg Tcherny, der Eröffnungsfilm des Shadow Festivals Amsterdam, aufrichtiger. Vor allem weil es eine fast klassische Dokumentation ist, denn die Wahrnehmung steht an erster Stelle. Die Macher vermeiden es, die eigene Meinung deutlich werden zu lassen. „DOCH“ beginnt hervorragend mit einem Standbild einer goldglänzenden Wiese, die von hohen, grünen Bäumen gesäumt ist. Während der Nebel aufsteigt, sehen wir aus der Ferne eine Gruppe Menschen herannahen. Es sieht aus, als ob sie eine Theaterszene aufführen: sie laufen ein Stück und bleiben dann auf einmal, als einer von ihnen ein Geräusch von sich gibt, bewegungslos wie ein Wachsbild stehen. Diese dreiminütige Szene ist eine schöne Metapher für das Tourette-Syndrom. Menschen, die an dieser neurologischen Krankheit leiden, zeigen Geräusch –und Bewegungsticks, wie das übertriebene Zusammenkneifen der Augen oder das Herausschreien von sinnlosen, häufig obszönen Lauten. Durch das kollektive Stillstehen – gleichsam wie ein Tick – wird dies subtil deutlich gemacht.

Die Absicht dieses Dokumentarfilms ist verräterisch einfach. Michelberger und Tcherny filmten eine Gruppe von Menschen mit dem Tourette Syndrom dreimal, während jährlicher Treffen, die weit außerhalb der bewohnten Welt stattfanden. Auch dies ist eine schöne Metapher für ihre Position als Verstoßene in der Gesellschaft. Vor der Kamera führen die drei Männer und drei Frauen ständig Gespräche. Nicht über „Dies und Das“, sie schneiden die großen Lebensfragen an, zum Beispiel ihre Situation als Außenseiter und die Frage nach dem Sinn des Lebens. Michelberger und Tcherny halten sich zurück. Einen Druck zur Interpretation über sie niemals aus. Die einzigen Informationen, die sie geben, sind die Jahreszahlen der Treffen, bei denen die Gespräche stattfinden. Sie filmen in einem „improvisierten Stil“. Nicht durchgehend ist die Kamera auf die Person gerichtet, die spricht. Zuerst erscheint dies als etwas „Unvollkommenes“, aber schnell entwickelt sich diese Art zum Positiven. Sie scheint mehr Nachdruck auf die durch die Ticks entstehende Behinderung zu legen. Immer wieder werden die sechs Menschen beim Sprechen oder Zuhören durch ihre eigenen Grimassen oder verbalen Obszönitäten gestört. Der lockere Stil erweckt den Eindruck, dass Michelberger und Tcherny die Gespräche ohne vorher festgelegten Plan und ohne vorherige Instruktion der sechs Personen – einfach so – gefilmt haben. Mit dem dadurch entstandenen Anschein von Objektivität nähern die beiden Filmemacher sich dem „Kernwert“ der Dokumentation. Dadurch wird das Anschauen des Filmes übrigens nicht einfacher. So wie im wirklichen Leben wirken die Gespräche zum teil unstrukturiert. Auch dass die Kamera nicht immer auf den Sprechenden gerichtet ist, trägt zu einem fragmentarischen Eindruck bei. Aber wer sich davon nicht irritieren lässt, wird belohnt. „DOCH“ bringt den Zuschauer dazu, seine persönliche Haltung gegenüber Menschen mit  Tourette-Syndrom zu überdenken und lässt so eher eine Diskussion entstehen als ein Gefühl von Mitleid. Diese Dokumentation will ganz anders als „Operation Homecoming“ konfrontieren und auf keinen Fall den Zuschauer mit dem flatterhaften Handschuh des Mitgefühls bedecken.

Die beiden Eröffnungsfilme bieten dem Liebhaben von Dokumentarfilmen in diesem Herbst zwei unterschiedliche Stilrichtungen an: die eine richtet sich auf die Konstruktion der Wirklichkeit mit Hilfe einer ideologischen Brille („Operation Homecoming“), die andere („DOCH“) auf die unvoreingenommene Wiedergabe dieser Welt. Die letztere ist interessanter, weil sie dem Zuschauer mehr Verantwortung lässt. In einer Zeit, in der die audiovisuellen Medien in zunehmendem Maße alles in kleine Brocken vorkauen, bewirkt die Machart von „DOCH“ – so traditionell das Verfahren eigentlich auch ist – eine Veränderung der Grenzen – ganz anders als die visuellen Spielereien im Film „Operation Homecoming“.